verzichten war ein Teil meiner Erziehung. Meine Eltern waren davon überzeugt, daß man besser durch’s Leben kommt, wenn man, frau, sich zu bescheiden und Frustrationen zu bewältigen weiß. Nie werde ich vergessen, wie ich mich danach sehnte, eher dem Slogan und Buchtitel“ Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen kommen überallhin“ zu folgen. Ich empfand meine Kindheit als Knast, mit allen Facetten dieses Begriffs. Ständige Bevormundung, Korrekturen -auch physischer Art- , Bitten um alberne Selbstverständlichkeiten, Konventionen folgen, den Benimm-Kodex beherrschen, sich nützlich machen, den Kopf immer etwas gesenkt halten, keine Freizeit, nicht schminken, keine Haut zeigen, keine eigenständigen Gedanken äußern, keine Verabredungen mit Schulkameradinnen treffen, keine Partys feiern, uvm.
Meine Kindheit war geprägt durch drei Worte: Bete und arbeite. Man beachte : „Beten“ steht voran, arbeiten bedeutet körperliche Beschäftigung, wenig geistige, denn so kommt ein Mädchen nur auf dumme Ideen. Sport für Mädchen: zu schlüpfrig, also nur in der Schule erlaubt. Also, ich habe verzichten gelernt und viele andere nützliche Dinge für eine Welt, die heute nicht mehr existiert.
Aber Leben heißt Lernen (auch so’n Spruch) und ich bemühe mich, in dieser Welt irgendwie anzukommen, fühle mich meist dabei wie ein galoppierender Hund, der mit heraushängender Zunge den Errungenschaften einer modernen Welt hinterherhetzt, aber niemals aufschließt oder den Anschluß findet, geschweige denn mitten drin ist!. Und so schließt sich der Kreis: ich verzichte eben auf Annehmlichkeiten der modernen Technik oder besser, ich mache aus Verzicht eine positive Eigenschaft. Eine Tugend….höre ich da Muttern reden?
Verzicht scheint jedoch gerade heutzutage vernünftig zu sein, denn unsere Natur erholt sich nur, wenn die Menschen Verzicht als eine Tugend verstehen. Verzicht auf ressourcenvernichtenden Kosum, Verzicht auf Gewinnstreben auf Kosten von Menschen und der Natur, Verzicht auf die Lüge vom immerwährenden Fortschritt und Wachstum, Verzicht auf Billigprodukte, Verzicht auf Versklavung von Menschen, Verzicht auf C02 Ausstoss, Verzicht auf Plastik und Verpackungen, Verzicht auf Kontakte? (Infektionsgefahr), Verzicht auf rücksichtloses Benehmen, auf Aggressionen, auf Übergriffe, auf Gewalt und Kriege, auf ständige Verfügbarkeit……die Liste ist unendlich lang….hoffentlich end-lich zu Ende.
Mehr Liebe, mehr Sex, mehr Gemeinschaft, mehr Wohlwollen, mehr Toleranz, mehr Menschlichkeit,mehr Gelassenheit und Selbstvertrauen, mehr Muße, mehr Faulheit, mehr Frieden…. auch diese Sehnsuchts – und Bedürfnisliste ist lang, doch endlich und endlich erreichbar. Heute. Packen wir’s an!
